Kritische Einzelstimmen


  • 1tes Bild zum Dokument
    Bildlupe
  • 2tes Bild zum Dokument
    Bildlupe
  • 3tes Bild zum Dokument
    Bildlupe
  • 4tes Bild zum Dokument
    Bildlupe

Die Selbststilisierung der bayerischen Landeskirche als Widerstandsorganisation gegen den Nationalsozialismus blieb in der Kirche nicht unwidersprochen. So kam es auf der Landessynode vom 9. bis 13. Juli 1946 in Ansbach zu scharfen Auseinandersetzungen über das Verhalten der Landeskirche während der NS-Herrschaft. Dabei räumte Landesbischof Hans Meiser (1881–1956) Fehler ein und bekannte in seiner Eröffnungspredigt: Nicht wir haben die Kirche gerettet. An uns hätte sie sterben können. Wir haben oft genug versagt ... Wo uns der Mut entfiel, wo sich die Kirche Gottes auf den Weg der Kompromisse begab, da verloren wir eine Stellung um die andere (zitiert nach B. Mensing, Vergangenheitsbewältigung, 355f.).


Dieses Schuldbekenntnis war einigen Synodalen nicht genug. Sie forderten ausdrücklich, Buße für die Versäumnisse und Fehlentscheidungen des Kirchenkampfes zu tun. Scharfe Kritik übten vor allem zwei Pfarrer der Pfarrerbruderschaft, die sich im Kirchenkampf besonders mutig verhalten hatten: Pfarrer Wilhelm Grießbach (1907–1993) forderte, keine Gloriole um den Kirchenkampf zu legen, und stellte unverblümt fest, menschlich, taktisch, kirchenpolitisch ... oft haben wir gefehlt und versagt (ebd., 356). Darüber hinaus warnte Pfarrer Waldemar Schmidt vor einer Vertrauenskundgebung der Landessynode, mit der das Vorgehen der Kirchenleitung während der NS-Herrschaft pauschal abgesegnet worden wäre.


Selten deutliche Worte über die Mitschuld der Christen an den nationalsozialistischen Verbrechen fand der Mühlhauser Pfarrer Friedrich Wilhelm Hopf (1910-1982). In seiner "Rogatepredigt" vom 6. Mai 1945 prangerte Hopf unmittelbar vor Kriegsende unverblümt das Schweigen der Kirche zur Judenverfolgung, zur Ermordung von Kranken und Behinderten, zum Unrecht an anderen Völkern und zur inhumanen Behandlung von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern an:


Wir werfen jetzt nicht Steine auf andere, sondern schlagen an die eigene Brust und rufen: o unsere Schuld, unsere Schuld, unsere übergroße Schuld! Denn wir haben oft geschwiegen, wo wir als Kirche Jesu Christi in Deutschland hätten laut reden müssen und deutlich Zeugnis geben müssen: Es ist nicht recht! Dabei sprach Hopf klar aus, daß auch die Einwohner und Kirchengemeindeglieder von Mühlhausen mitverstrickt seien in die gemeinsame Schuld unseres Volkes (Zitate nach F. W. Hopf, Rogate 1945).


Der Ruf nach Buße und Umkehr kam gerade von solchen Pfarrern, die weit über das Verhalten der Kirchenleitung hinaus Widerstand gegen das NS-Regime geleistet und dafür schwerwiegende Folgen zu tragen gehabt hatten. Von ihrer Kritik nahmen sie auch sich selbst nicht aus. Dazu gehörte vor allem Wolfgang Niederstraßer (1907–1981), der im Konzentrationslager Dachau inhaftiert und nur knapp dem Tod entkommen war. Als der Landeskirchenrat Ende 1945 einen Fragebogen über Maßnahmen des NS-Staates gegen Pfarrer versandte, antwortete er selbstkritisch:


Im Blick auf die vergangenen Jahre ... glaube ich urteilen zu müssen, daß auch wir, ich selber und wir alle, unermeßliche Schuld tragen vor unserem Volke und vor Gott. ... So ist denn die Buße, die wir heute unserm Volk predigen müssen, uns selber – mir und uns allen – am nötigsten, nicht aber der Erweis unserer „Gerechtigkeit“ mittels Daten einzelner politischer Verfolgungen, die nicht charakteristisch sind für uns!


Zu Buße und Umkehr wurde die Kirchenleitung auch von Pfarrer Karl Steinbauer (1906–1988) aufgerufen, den sein Widerstand ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht hatte. Wie schon in der NS-Zeit kritisierte er Landesbischof Meiser, den er erneut auf dem Weg des Unglaubens und Ungehorsams sah.


Im Frühjahr 1946 hatte Meiser Steinbauer gegenüber geäußert: Wir hätten in vergangener Zeit viel mehr wagen müssen, und wir hätten es auch gekonnt, wie die Entwicklung gezeigt hat (K. Steinbauer, Zeugnis 4, 248). In der Formulierung „wie die Entwicklung gezeigt hat“ sah Steinbauer eine Deutung der Vergangenheit als ein zufälliges Geschehen, an dem die Christen nichts hätten ändern können. Diese Deutung aber stand für ihn im Widerspruch zum Allmachtsanspruch Gottes und dem von den Christen geforderten Christusgehorsam.


Insgesamt fand die kleine Gruppe bayerischer Pfarrer, die entschiedenen Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet hatte, nach dem Ende der NS-Herrschaft in der Landeskirche kaum Gehör und stieg auch nicht in kirchenleitende Positionen auf. So kam Karl Steinbauer, der bedeutendste Kritiker des Kurses der Kirchenleitung während der NS-Herrschaft, nicht einmal in die Landessynode. Vielmehr gab ihm der Landeskirchenrat im Frühjahr 1946 die Mahnung mit auf den Weg, künftig keine weitreichende Kirchenpolitik mehr zu betreiben (K. Steinbauer, Zeugnis 4, 195).


Quelle / Titel


  • © 1+2: Pfarramtsarchiv Warmensteinach 6

Verwandte Inhalte