Verschwörung und aktiver Widerstand
In den aktiven Widerstandsgruppen befanden sich auch einige wenige Theologen, die entweder am Umsturz selbst mitarbeiteten oder die Zeit nach der NS-Herrschaft vorbereiteten.
Dietrich Bonhoeffer, von Anfang an entschiedener Gegner des Nationalsozialismus, schloss sich aufgrund seiner persönlichen Glaubensüberzeugung dem aktiven Widerstand an. Sein Schwager Hans von Dohnanyi vermittelte den im Dienst der Bekennenden Kirche der Altpreußischen Union stehenden und mit Reichsredeverbot belegten Bonhoeffer im Herbst 1940 als V-Mann an die militärische Abwehr.
Auf drei Reisen in die Schweiz, Reisen nach Norwegen und Schweden sowie einer Reise über die Schweiz nach Italien, die er in den Jahren 1941 und 1942 unternahm, informierte er die Freunde in der Ökumene – insbesondere den englischen Bischof George Bell von Chichester – über die Umsturzpläne in Deutschland. Bonhoeffer warb um Akzeptanz für die Widerstandskreise und erkundete die Vorstellungen über die alliierten Friedensbedingungen.
Zudem beteiligte sich Bonhoeffer an den Diskussionen des Beck-Kreises und hatte Kontakt zum Freiburger Kreis. Am 5. April 1943 wurde er verhaftet und konnte im Folgenden nur noch versuchen, die Attentatsvorbereitungen so weit als möglich zu verschleiern.
In die Untergrundtätigkeit eingebunden war auch der Jurist und Freund Bonhoeffers Friedrich Justus Perels. Perels hatte eine bewusst kirchliche Erziehung erfahren und sich während seines Studiums der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung angeschlossen. Als sogenannter „Mischling 2. Grades“ konnte er zwar 1936 noch seine juristische Ausbildung abschließen, aber nicht mehr als selbstständiger Rechtsanwalt arbeiten.
Perels engagierte sich für den Pfarrernotbund und stellte sich der Bekennenden Kirche als Rechtsberater zur Verfügung. 1936 lernte er Dietrich Bonhoeffer und dessen Familie kennen, über die er Zugang zu Widerstandskreisen erhielt. So stand Perels in Verbindung zum Freiburger Kreis und verfasste für den Kreis um Generaloberst Ludwig Beck einen Beitrag darüber, welche Sofortmaßnahmen im Blick auf die Kirchen nach dem Umsturz zu ergreifen seien.
Über Bonhoeffer hatte er zudem Kontakt zu der Widerstandsgruppe in der Abwehr um Oberst Hans Oster. Nach der Verhaftung Bonhoeffers und Dohnanyis unterstützte er die Freunde, diente ihnen als Mittelsmann und Überbringer von Nachrichten und half bei der Prozessvorbereitung.
Im Zuge der nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 einsetzenden Nachforschungen wurde Perels aufgrund des sogenannten Zossener Aktenfundes als Mitwisser enttarnt und am 4. Oktober 1944 verhaftet. Nach wochenlangen schweren Misshandlungen im Gefängnis wurde er am 2. Februar 1945 – auch wegen seines Einsatzes für die Bekennende Kirche – zum Tode verurteilt und am 22. April ohne förmlichen Vollstreckungsbefehl durch Genickschuss ermordet.
Eingebunden in die Beratungen der Kreisauer war auch Harald Poelchau, seit 1933 Gefängnispfarrer in Berlin-Tegel. Seine Beteiligung blieb von der Gestapo unentdeckt, sodass er den nach dem gescheiterten Attentat verhafteten Freunden im Gefängnis beistehen konnte. In seiner Tätigkeit als Seelsorger begleitete Poelchau Hunderte von zum Tode Verurteilte auf ihrem letzten Weg und leistete ihnen geistlichen Beistand.
Engagiert arbeitete schließlich Eugen Gerstenmaier aufseiten der Widerstandskreise mit. Gerstenmaier, pietistisch geprägt, hatte Theologie studiert und war bereits 1934 erstmals kurzzeitig verhaftet worden, als er in Rostock als Studierender einen Protest gegen den von den Deutschen Christen als Reichsbischof installierten Ludwig Müller organisierte.
Nach seiner Promotion 1935 wurde er 1936 Mitarbeiter von Bischof Theodor Heckel im Kirchlichen Außenamt, wo er für die Bereiche Ökumene und Auslandsgemeinden zuständig war. Trotz erfolgter Habilitation wurde ihm 1937 die Lehrbefugnis verweigert, da er als Regimegegner angesehen wurde.
Als Gerstenmaier 1939 zur nebenamtlichen Mitarbeit in der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes zwangsverpflichtet wurde, lernte er zahlreiche Persönlichkeiten kennen, die Hitlers Politik zunehmend kritisch bewerteten, unter anderen auch Hans Bernd von Haeften und Adam von Trott zu Solz.
1942 lud ihn Helmuth James Graf von Moltke ein, an den Beratungen des Kreisauer Kreises teilzunehmen. Bald verband Gerstenmaier eine enge Bekanntschaft, ja Freundschaft mit Peter Graf Yorck von Wartenburg und von Moltke. In den Diskussionen der Kreisauer trat er – entgegen der Meinung der Mehrheit – für die Option eines Tyrannenmordes ein.
Gerstenmaier stellte den Kontakt zwischen den Kreisauern und dem Landesbischof seiner württembergischen Heimatkirche, Theophil Wurm, her: Wartenburg und Moltke trafen sich ab Mitte 1942 mehrmals – teilweise in der Wohnung Gerstenmaiers – mit dem Bischof. Auf verschiedenen Reisen, die Gerstenmaier unternehmen konnte, informierte er in Schweden, der Schweiz, aber auch auf dem Balkan Freunde aus der Ökumene über die Pläne der Widerstandskreise.
Am Tag des Attentats, am 20. Juli 1944, suchte Gerstenmaier im Berliner Bendlerblock – mit Pistole und Taschenbibel bewaffnet – die Attentäter zu unterstützen. Bei der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof stellte er sich als unbedarften und weltfremden Kirchenmann dar und wurde als Einziger der Angeklagten nicht zum Tode, sondern „lediglich“ zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt.
Eine Quelle seiner Widerstandskraft war ihm das beim Propheten Jeremia zu findende Gotteswort: Fürchte dich nicht, du, Jakob, mein Knecht, spricht der Herr, denn ich bin bei dir! Mit allen Völkern, unter die ich dich verstoßen habe, will ich ein Ende machen, aber mit dir will ich nicht ein Ende machen. Züchtigen will ich dich mit Maßen, doch ungestraft kann ich dich nicht lassen (46,28). Amerikanische Truppen befreiten ihn am 14. April 1945 aus dem Zuchthaus Bayreuth.
Quelle / Titel
- © Foto Perels: Privatbesitz Prof. Dr. Joachim Perels; © Foto Gerstenmaier: Privatbesitz Dr. York Christian Gerstenmaier

